Wirkmechanismus
Sermorelin setzt einen GHRH-ähnlichen Reiz an der Wachstumshormonachse der Hypophyse. Das unterscheidet sich von der Gabe des Wachstumshormons selbst: Untersucht wird die Antwort der Drüse auf ein Freisetzungssignal. Losa und Kollegen verglichen 1984 in einer placebokontrollierten Untersuchung bei fünf gesunden Freiwilligen GRF-Fragmente unterschiedlicher Länge, darunter GRF(1-29). Sie beobachteten einen Anstieg des zirkulierenden Wachstumshormons, kurz GH. Dieser Befund beschreibt eine endokrine Antwort unter den jeweiligen Bedingungen. Er belegt weder eine allgemeine Reaktion bei eingeschränkter Hypophysenfunktion noch einen dauerhaften klinischen Nutzen. Für die Forschung sind das freisetzende Peptid, das anschließend ausgeschüttete GH und nachgelagerte Messwerte wie der insulinähnliche Wachstumsfaktor I, kurz IGF-I, zu unterscheiden. Die Messgrößen hängen zusammen, sind aber keine austauschbaren Nutzenbelege.
Evidenzlage
Die Humanarbeiten betreffen unterschiedliche Populationen und Studiendesigns. Thorner und Kollegen untersuchten 1996 GHRH(1-29) bei Kindern mit Wachstumshormonmangel in einer multizentrischen offenen Studie. Insgesamt wurden 110 Kinder behandelt; 86 waren für die Wirksamkeitsauswertung geeignet. Die Wachstumsgeschwindigkeit nahm gegenüber dem Ausgangswert zu, eine parallele Placebogruppe fehlte jedoch. Vittone und Kollegen beobachteten 1997 elf gesunde ältere Männer über sechs Wochen. Die nächtliche GH-Ausschüttung stieg, während IGF-I, Körpergewicht und gemessene Körperzusammensetzung unverändert blieben. Einzelne Kraftmessungen verbesserten sich. Diese kleine explorative Untersuchung belegt keine allgemeinen Auswirkungen auf das Altern. Auch die regulatorische Geschichte ist präparatspezifisch: Eine FDA-Mitteilung von 2013 dokumentiert frühere Geref-Zulassungen zur diagnostischen Untersuchung und bei kindlichem Wachstumshormonmangel sowie die Aufhebung dieser bestehenden Zulassungen mit Wirkung zum 18. Juni 2009. Die FDA stellte 2013 gesondert fest, dass die Marktrücknahme nicht auf Sicherheits- oder Wirksamkeitsgründen beruhte. Diese Feststellung belegt keine gegenwärtige Zulassung und macht andere Sermorelin-Präparate nicht zu zugelassenen Arzneimitteln.
Fragen zur Forschungslage
- Ist Sermorelin dasselbe wie Wachstumshormon?
- Nein. Sermorelin ist ein Fragment des Hormons, das die Freisetzung von GH signalisiert. GH selbst ist ein anderes Hormon. Ein messbarer GH-Anstieg nach einem Freisetzungsreiz zeigt für sich weder eine veränderte Körperzusammensetzung noch funktionelle Verbesserungen oder langfristigen klinischen Nutzen. Jeder Endpunkt muss eigenständig bewertet werden.
- Bedeutet die Geref-Geschichte, dass ein Forschungsprodukt zugelassen ist?
- Nein. Die FDA-Unterlagen betreffen benannte Arzneimittel, die dafür erteilten Zulassungen und historische Indikationen. Sie dokumentieren auch die Aufhebung dieser bestehenden Zulassungen im Jahr 2009. Eine Zulassungsgeschichte lässt sich nicht auf ein anderes Produkt, eine andere Formulierung oder einen anderen Zweck übertragen. Die gesonderte FDA-Feststellung von 2013 zum Grund der Marktrücknahme ist kein Beleg einer heutigen Zulassung für Forschungsmaterial.
- Lassen sich Ergebnisse anderer GHRH-Analoga Sermorelin zuordnen?
- Dazu muss ausdrücklich erklärt werden, welcher Stoff untersucht wurde. Ein substituiertes GHRH-Analogon, ein längeres Fragment und GHRH(1-29)-Amid sind nicht automatisch identisch. Die Beurteilung muss Sequenz oder Analogon sowie Population und Studiendesign erhalten. Unterschiedliche GHRH-Arbeiten ergeben zusammen keinen pauschalen Wirksamkeitsnachweis für Sermorelin.
Quellen
- Losa et al., Klin Wochenschr 1984DOI: 10.1007/BF01782473PMID: 6240568
- Thorner et al., J Clin Endocrinol Metab 1996DOI: 10.1210/jcem.81.3.8772599PMID: 8772599
- Vittone et al., Metabolism 1997DOI: 10.1016/S0026-0495(97)90174-8PMID: 9005976
- FDA, Federal Register 2013, Geref: Feststellung zum Grund der Marktrücknahme
